Konfliktursache (3/8): Rollenkonflikte

Streitest du dich noch um das "Wer" oder erkennst du schon den Rollenkonflikt?



Rollenkonflikte entstehen, wenn sich bei mehreren Teilaufgaben die beteiligten Personen nicht einigen können, wer was macht. Oder: Eine bestimmte Teilaufgabe ist derart unpopulär, dass sie keine Person übernehmen will. Auch dann liegt ein Rollenkonflikt vor, wenn niemand sich zuständig fühlt.


Stell dir vor …

Neuer Tag, neuer Streit. Ihr seid euch diesmal zwar einig, das Geschirr per Hand zu spülen und anschließend abzutrocknen.
Doch damit gibt es zwei unterschiedliche Aufgaben. Oder anders ausgedrückt: zwei verschiedene Rollen. Eine Person, die abspült und eine, die abtrocknet. Und du möchtest auf jeden Fall abtrocknen. Allein schon wegen der frisch manikürten Fingernägel. Was aber, wenn der andere auch keinen Bock auf Abwaschen hat und lieber abtrocknen will? Du zögerst kurz, doch es bleibt dir ja nichts anderes übrig, als es anzusprechen: »Du, Schatz, ich würde heute gern abtrocknen, okay?« Es tritt ein, was du befürchtet hast. Dein Partner möchte dasselbe. Und damit seid ihr mitten im Rollenkonflikt.

 

 


Theoretisch heißt das …

Innerhalb eines Arbeitsprozesses möchten zwei Personen dieselbe Rolle besetzen beziehungsweise dieselbe Aufgabe übernehmen. Eine Konkurrenzsituation entsteht, wenn nur einer die für beide attraktive Tätigkeit ausführen kann. Der andere muss dann eine für ihn weniger angenehme Rolle übernehmen und fühlt sich dadurch benachteiligt. Rollenkonflikte können auch dann vorliegen, wenn die Beteiligten eine bestimmte Rolle ablehnen und keiner die damit verbundenen Tätigkeiten erledigen möchte. Man bezeichnet diese Konfliktform dann auch als Verantwortungskonflikte oder Zuständigkeitskonflikte. Die folgende Tabelle nennt fünf weitere Beispiele für Rollenkonflikte:

 



Praktisch bedeutet das …

Lass uns die bisher genannten drei Konfliktursachen kurz unter die Lupe nehmen: Ziel-, Methoden- und Rollenkonflikte.
In genau dieser Reihenfolge wachsen die Wahlmöglichkeiten. Nehmen wir als Beispiel den gemeinsamen Urlaub. Könnt ihr euch über das Ziel nicht einigen, ist der gemeinsame Urlaub unmöglich. Einer möchte an die Ostsee zum Baden, der andere nach Norditalien und Städte anschauen. Streitet ihr euch hingegen über die Methode der Anreise, habt ihr sehr viel mehr Wahlmöglichkeiten: Flugzeug, PKW, Bahn, Bus etc. Und streitet ihr schließlich über die Rolle – wer fährt, wer fährt zuerst, wer fährt wie lange, wann macht ihr eine Pause und so weiter – habt ihr meines Erachtens noch mehr Möglichkeiten, den Konflikt zu entschärfen. Warum?

Aus zwei Gründen:

  • Zum einen, weil die Auswahl an Ausweichmöglichkeiten steigt. Ostsee oder Italien ist genau eine Frage. Flugzeug oder Auto oder Bahn oder Bus sind schon vier. Und wer was wann wie lange macht, bietet noch weit mehr Entscheidungsmöglichkeiten.
  • Zum anderen, weil die jeweilige Tragweite der Entscheidung unterschiedlich hoch ist. Konkret: Ob du dir im Urlaub an der Ostsee in aller Ruhe Möwen anschaust oder dir in Italien die 73. Museumsführung antust, wirkt sich stärker auf dein Empfinden aus als die Frage, wie ihr angereist seid. Und die vielleicht siebenstündige Anreise wiederum wirkt sich stärker auf dein Gesamtempfinden aus als eine kurzzeitige, vielleicht zehnminütige Aufgabenübernahme während der Anreise.

Diese Relevanz-Unterscheidung zwischen Ziel-, Methoden- und Rollenkonflikt mag nicht eins zu eins auf jede einzelne Situation übertragbar sein, sie wird aber für die meisten Lebensbereiche und -entscheidungen gelten. Betrachte Rollenkonflikte somit als das, was sie sind: Sie sind weniger entscheidend als Ziel- oder Methodenkonflikte. Was nicht heißen soll, dass du alle Rollenkonflikte über dich ergehen lassen sollst. Versuche stets den Unterschied zwischen den drei Kategorien auszumachen, weil du hierdurch den Gesamtkontext besser überblicken kannst.

Und noch einen Schritt weiter: Betrachte einen Rollenkonflikt als Ansporn, die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten immer wieder neu, variabel und flexibel zu verhandeln. Gestalte bei diesem Versuch unerwünschte Teilaufgaben so attraktiv wie möglich. Mal gelingt dies rein sprachlich, indem du sie anders präsentierst und die Notwendigkeit herausstellst, dass diese Aufgabe nun einmal auch dazu gehört; mal muss die Teilaufgabe vielleicht modifiziert oder mit anderen zusammengelegt werden. Und mal wirst du einsehen, dass der Rollenkonflikt einfach nicht behoben werden kann, zumindest nicht sofort. Und dann ist es zumindest gut, ihn identifiziert zu haben.


Du nimmst mit … 

Rollenkonflikte entstehen, wenn sich bei mehreren Teilaufgaben die beteiligten Personen nicht einigen können, wer was macht. Oder: Eine bestimmte Teilaufgabe ist derart unpopulär, dass sie keine Person übernehmen will. Auch dann liegt ein Rollenkonflikt vor, wenn niemand sich zuständig fühlt.

Im nächsten Kapitel wenden wir uns den Ressourcenkonflikten zu. Sie entstehen, wenn zwei Konfliktparteien unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie bestimmte Produktionsmittel eingesetzt werden, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.