Konfliktursache (6/8): Glaubenssatzkonflikte

Glaubst du noch oder zweifelst du schon?


Glaubenssatzkonflikte entstehen, wenn du von etwas überzeugt bist, dein Gegenüber aber leider nicht. Ihr bezieht euch auf unterschiedliche "externe Referenzquellen" und seid euch beide sicher: Der andere muss sich irren. Denn es kann nur eine Wahrheit geben. Ob die Maske gegen Corona hilft? Na ja ...; ob Kaffee schädlich ist? Hängt davon ab, ob ...; und ob genderneutrale Formulierungen für mehr Gerechtigkeit sorgen? Schaunmermal ...


Stell dir vor …

Neuer Tag, neuer Streit. Und noch einmal der Zweikampf Spülbecken versus Spülmaschine. Heute liegt jedoch kein Bedürfniskonflikt vor, denn dir und deinem Partner ist Ökologie wichtig. Doch obwohl ihr mithilfe der gleichen Strategie dasselbe Ziel erreichen wollt, tritt ein Konflikt ein. Der Grund: Ihr habt unterschiedliche Überzeugungen oder Annahmen, wie die Welt funktioniert.

Angenommen, du hast erst neulich eine Studie zum Wasserverbrauch gelesen. Demnach verbraucht weniger Wasser, wer beim Geschirrreinigen das Geschirr vorher einweicht und beim Abspülen das Wasser nicht laufen lässt. Der Wasserverbrauch ist sogar deutlich geringer als bei den neuesten Spülmaschinen. Dein Partner hat allerdings unlängst aus anderer Quelle die Information erhalten, dass die Wassereinsparfunktion eurer Spülmaschine die bei Weitem wirksamste Methode zum Schutz der Umwelt sei. Wer hat recht? Ein Streit um die richtige Überzeugung entsteht. Das heißt: Ihr habt einen Glaubenssatzkonflikt.


Theoretisch heißt das …

Wenn zwei Personen zwar die gleichen Werte und Ziele verfolgen (in unserem Fall: Ökologie im Sinne von Ressourcenschutz), dazu aber unterschiedliche Auffassungen von der Wahrheit haben, tritt ein Glaubenssatzkonflikt ein. Er entsteht meistens dann, wenn die beteiligten Personen verschiedene Informationsquellen heranziehen, also unterschiedlichen externen Referenzsystemen Glauben schenken.

Der Begriff »Glaubenssatz« geht zurück auf eine konstruktivistische Grundannahme. Der Konstruktivismus vertritt die Auffassung, dass all deine Gedanken und Überzeugungen lediglich aus deinen individuellen Beobachtungen und Interpretationen der Welt entstehen. Wenn du genau hinschaust und ehrlich zu dir bist, wird schnell klar: Es kann keine objektiven Wahrheiten geben, sondern nur subjektive Konstruktionen. Ob die eine Studie recht hat oder doch eher die andere – woher kannst du das wirklich wissen? Kennst du alle Annahmen und Messverfahren? Welche Erfahrungen hast du gemacht, die dich jetzt beeinflussen? Waren es deine Eltern, die dir beibrachten, wem du glauben kannst? Oder begann die Prägung später, zum Beispiel in der Grundschule, im Ausbildungsbetrieb oder an der Uni? Oder war gestern die Tagesschau deine Informationsquelle? Vielleicht bist du auch nur beeinflusst vom kritischen Blick des Kollegen, nachdem du gestern Nachmittag etwas behauptet hast? Was auch immer wir erleben – es ist eine Einladung, daraus Glaubenssätze abzuleiten, die uns erklären, wie die Welt funktioniert.

Wo auch immer der jeweilige Schlüssel für deine Glaubenssätze verborgen ist, es sind stets deine Erfahrungen und deine Prägungen aus deiner Vergangenheit, die deine Deutungsspielräume und -flexibilität im Hier und Jetzt beeinflussen, um nicht zu sagen: einschränken. Denn genau das sind Glaubenssätze oft: einschränkend. Warum?

Ganz einfach: Die Tatsache, dass du keinen anderen Gedanken zulässt, gleicht einer Einschränkung. Bezogen auf unser Beispiel oben: Wenn du aufgrund deiner speziellen Erfahrungen entschieden hast, dass die eine Studie die Wahrheit sagt, wirst du kein Verständnis für dein Gegenüber haben, der wiederum aufgrund seiner individuellen Erfahrungen entschieden hat, dass eine andere Quelle recht hat. Der Konflikt entsteht also, weil zwei festgefahrene Überzeugungssysteme aufeinanderprallen und zwischen ihnen nicht vermittelt wird.


Schauen wir uns erneut anhand von fünf Beispielen an, wie sich Glaubenssatzkonflikte in der Praxis zeigen können:



Praktisch bedeutet das …

Ich habe drei Anregungen für dich, wie du zielführender mit Glaubenssätzen umgehen kannst:

Anregung 1: Halte an günstigen Glaubenssätzen fest, denn sie sichern dein Überleben

Jeder Mensch verfügt über ein Arsenal an Glaubenssätzen, die ihm helfen, sich in der Welt zurechtzufinden. Manche dieser Glaubenssätze sind hilfreich, weil sie Komplexität reduzieren, viele hingegen einschränkend, weil sie ungünstige Entscheidungen nach sich ziehen. Hilfreich sind in der Regel all jene Glaubenssätze, die dir helfen, deine Überlebenschancen zu erhöhen beziehungsweise ein bestmöglich sorgenfreies Leben zu führen. Drei Beispiele für aus meiner Sicht günstige Glaubenssätze: 

  • Du gehst nur bei Grün über die Straße, denn du glaubst, dass du bei Rot überfahren werden könntest. Nachvollziehbar. 

  • Du suchst auf dem Joghurt nach dem Verfallsdatum, weil du glaubst, dass möglicher Schimmel gesundheitsschädlich ist. Wieder nachvollziehbar. 

  • Du bereitest dich gewissenhaft auf deine Präsentation vor, weil du glaubst, dass du dann auf kritische Einwände besser reagieren kannst. Auch das: nachvollziehbar.

An diesen Glaubenssätzen festzuhalten, erscheint sinnvoll. Du bringst dafür zwar mehr Zeit auf, die du sonst für etwas anderes hättest verwenden können, aber es erscheint dir gerechtfertigt, weil du dich dadurch schützt. Insofern sind diese Glaubenssätze schlau.

 

Anregung 2: Wandle einschränkende in erlaubende Glaubenssätze um.

Anders verhält es sich mit ungünstigen beziehungsweise einschränkenden Glaubenssätzen. Wenn du genau hinschaust, wirst du eine Vielzahl von Annahmen und Überzeugungen erkennen, die deine Freiheit, deine Wahlmöglichkeiten und damit auch deine Lebensqualität einschränken. Stell dir zum Beispiel vor, du hältst einen Vortrag und von den zwanzig Leuten in Publikum schauen drei aus dem Fenster. Du nimmst daraufhin an, dass dein Vortrag uninteressant ist. Du glaubst das – ohne einen einzigen Beweis. Es gibt lediglich ein Anzeichen, nämlich die abgewandten Blicke. Dir kommt nicht in den Sinn, dass diese drei Personen vielleicht gerade über deinen tollen Vortrag nachdenken oder etwas Privates sie beschäftigt. Aufgrund deines einschränkenden Glaubenssatzes verspürst du Angst, Trauer oder vielleicht auch Ärger, obwohl der auslösende Gedanke vielleicht gar nicht stimmt. Würdest du deine Vermutung als subjektive Interpretation erkennen und infrage stellen, könntest du sie als ungünstigen Glaubenssatz aufdecken und dich befreien. Indem du die drei Personen zum Beispiel einbindest und feststellst, dass sie tatsächlich voll und ganz dabei sind.

Wir können festhalten: Wer neugierig und offen ist und sein Gegenüber nach den Hintergründen seiner Überzeugung fragt, hat die Chance, seinen eigenen, vermeintlich einschränkenden Glaubenssatz in einen neuen, erlaubenden Glaubenssatz umzuwandeln.

Wenn dich dieser Gedanke anspricht, habe ich drei Formulierungen für dich, wie du deine einschränkenden und oft gut verborgenen Glaubenssätze auf die Schliche kommen und am Ende auflösen kannst. Nimm dir zehn bis fünfzehn Minuten Zeit und vervollständige folgende drei Sätze:

  • Ich muss …

  • Ich darf nicht …

  • Ich kann nicht …

Diese drei Formulierungen können dir helfen, einige deiner einschränkenden Glaubenssätze zu erkennen, die du höchstwahrscheinlich von anderen übernommen hast. Denn es gibt einige Menschen, die dir in deinem bisherigen Leben gesagt haben, was du tun sollst. Als Gebote oft auch mit dem Zusatz: »Das macht man so.« Du hast es ihnen damals geglaubt. Und du tust es bis heute. Und es gibt Menschen, die dir gesagt haben, was du nicht tun darfst, weil es (angeblich) verboten ist. Du hast es ihnen damals geglaubt. Und du tust es bis heute. Und es gibt Menschen, die dir gesagt haben, was du alles nicht kannst, weil du zu schwach bist – angeblich. Du hast ihnen auch das damals geglaubt. Und du tust es bis jetzt. Damit kann Schluss sein. Und zwar noch heute. Fang an hinzuschauen und deine gut versteckten einschränkenden Glaubenssätze aufzulösen, und die Wahrscheinlichkeit für Glaubenssatzkonflikte wird spürbar zurückgehen.

 

Anregung 3: Unterscheide Bedürfnisse und Glaubenssätze

Während du auf der Suche nach Bedürfnissen nach dem Wieso fragst (alternativ Wofür?, Wozu?, Warum?), lautet die Frage nach Glaubenssätzen: »Wieso glaubst du das?« (alternativ »Woran glaubst du?« oder »Woher nimmst du diese Erkenntnis?«).

Beide Konzepte hängen also miteinander zusammen: Das Bedürfnis (zum Beispiel Ressourcenschutz) ist das Motiv, das die Methode (zum Beispiel Spülmaschine) wählen lässt, weil der Glaubenssatz (zum Beispiel Ökoinstitut- Studie) diesen Zusammenhang vermittelt. Beide inneren Antreiber – das Bedürfnis und der Glaubenssatz – begründen die Methode als Tat im Außen. Wer sich also für eine bestimmte Methode ausspricht, verfolgt wahrscheinlich ein ihn motivierendes Bedürfnis und glaubt zugleich an einen kausalen Glaubenssatz. Die Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Glaubenssatz ist wichtig, um nach entsprechenden Lösungswegen zu suchen. Entweder kann es auf der Ebene der Bedürfnisse eine Annäherung geben (zum Beispiel mit der Frage: »Können wir heute mal weniger auf die Ressourcenfrage schauen, damit wir schneller aufbrechen können?«), oder die Annäherung kann auf der Ebene der Überzeugung stattfinden (zum Beispiel mit der Frage: »Bist Du sicher, dass keine Spülmaschinen-Hersteller die Ökoinstitut-Studie mitfinanziert haben?«).

Anhand dieses Beispiels wird zweierlei deutlich:

  • Wenn du die passende Ebene adressierst, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, eine Kompromisslösung zu finden.
  • Wenn du dich auf der Bedürfnisebene annäherst, wirst du viel eher Erfolg haben als auf der Glaubenssatzebene, denn viele Menschen neigen dazu, aus Gründen der Gesichtswahrung an einer einmal geäußerten Position festzuhalten »Natürlich ist die Studie unabhängig, was glaubst du denn!«, obwohl sie innerlich dem Einwand zustimmen.

Du nimmst mit … 

Glaubenssatzkonflikte entstehen, wenn die Beteiligten zwar die gleichen Bedürfnisse verfolgen, sich dabei aber an unterschiedlichen Referenzsystemen orientieren, die sich in ihren Aussagen widersprechen. In unserem Beispiel sprach sich die externe Quelle Öko-Institut für die Spülmaschine als ressourcenschonende Strategie aus, während Greenpeace sich für das Spülbecken aussprach. Ein Glaubenssatzkonflikt entsteht, wenn eine Person der einen Quelle vertraut und die andere Person der anderen.

Mit den Glaubenssatzkonflikten haben wir die zweite der vier verborgenen Konfliktursachen kennengelernt. Das nächste Kapitel sensibilisiert dich für Haltungskonflikte, die im Vergleich zu den Glaubenssatzkonflikten als noch gravierender betrachtet werden können. Gravierender im Sinne von »da ist dann kaum mehr was zu machen«. Aber lies selbst, wenn du mehr über das Auftreten eines Chauvis in der Küche erfahren möchtest.