Konfliktursache (8/8): Kommunikationskonflikte

Reizformulierst du noch oder vorsichtigst du schon?

Kommunikationskonflikte können entstehen, wenn Menschen riskante Formulierungen verwenden, die Stimme sich spürbar ändert und Mimik und Gestik eigentümliche Gestalten annehmen.  Ob ein neutral gemeinter Ausdruck letztlich zum Konflikt wird, entscheiden allein die Empfänger*innen. Insofern gilt: Denke lieber zwei Mal nach, bevor du etwas raushaust und achte v.a. auf Stimme und Körpersprache, da sie häufig weit mehr transportieren als die bloßen Worte ...



Stell dir vor …

Neuer Tag und – der letzte Streit. Endlich. Das Essen war gut und die ersten sieben möglichen Konfliktursachen lasst ihr locker links liegen. Du denkst, nichts kann mehr schiefgehen bei der Geschirrreinigung,
doch leider hast du die achte Konfliktursache vergessen: die Kommunikation. Und schon hörst du diesen fatalen Satz deiner Partnerin beziehungsweise deines Partners: »Du, Schatz, kannst du heute mal den Abwasch machen?« Mit Betonung auf mal!

Für dich bricht eine Welt zusammen. Denn was dein Kopf aus diesen drei, scheinbar harmlosen Buchstaben macht, ist ein verheerendes Gedankengewitter. Aus dem Wörtchen »mal« meinst du nämlich herauszuhören: »Weißt du, Schatz, immer mach ich so viel im Haushalt, du hältst dich prinzipiell zurück, es kotzt mich an, dass immer ich die Dumme bin und du das schamlos ausnutzt. Ich hasse dich dafür, dass du dich wie ein Chauvi benimmst …«

Hat sie alles so nicht gesagt, vielleicht auch nicht gedacht. Das spielt jetzt aber keine Rolle, denn du glaubst, was du glaubst (wie du diese Art von unnötigen Ärger übrigens gekonnt auflösen kannst, erfährst du gleich im Kapitel 6 Minimieren). Es waren nur drei Buchstaben und kein böses Wort, kein Schimpfwort, doch du hast es geschafft, diese drei Buchstaben maximal aufzuladen. Aufzuladen mit für dich ungünstigen Deutungen. Ob sie stimmen oder nicht, ist in jenem Moment egal. Die Kraft deiner Interpretation haut dich um. Der Ärger hindert dich daran, andere Deutungsvarianten überhaupt in Erwägung zu ziehen. Oder einfach nur nachzufragen. Vielleicht habt ihr tatsächlich keinen sachlichen Konflikt, weder einen Zielkonflikt noch einen Methodenkonflikt noch einen der anderen, doch manchmal reicht ein kleines, dreibuchstabiges Wort, um sich aufs Heftigste zu überwerfen. Wenn du dich von bestimmten Worten, speziellen Gesten oder der Stimmlage des anderen ärgern lässt, dann sprechen wir von einem Kommunikationskonflikt.


Theoretisch heißt das …

Wenn grundsätzlich alles zwischen dir und deinem Gegenüber prima läuft, keine der sieben Konfliktursachen gegeben sind, dann aber eine Formulierung oder/und eine körpersprachliche Äußerung des anderen dich plötzlich trifft, erreicht dich der Konflikt auf der kommunikativen Ebene.

Menschen reagieren in der Regel sehr unterschiedlich auf angebotene Kommunikationskonflikte. Manche sind dafür eher auf verbaler Ebene empfänglich (Reizwörter/-formulierungen), andere eher auf der paraverbalen (zum Beispiel Schwankungen in der Stimme) und einige auf nonverbaler Ebene (Mimik, Gestik, Körperhaltung). Die folgende Tabelle nennt ausgewählte kommunikative Konfliktangebote, sortiert nach den drei genannten Kommunikationsebenen:



Schauen wir uns anhand von fünf Beispielen an, wie sich Kommunikationskonflikte in der Praxis zeigen können.
Fünf Kommunikationskonflikte mit ausgewählten Reizformulierungen:



Praktisch bedeutet das …

Ich habe vier Anregungen für dich, wie du mit Reizformulierungen umgehen kannst.

Anregung 1: Erkenne hinter deinem Ärger deine Wünsche und Bedürfnisse 

Wenn dich eine Äußerung deines Gegenübers besonders trifft, frage dich wieso. An welchen deiner Wünsche dockt sie an? Wenn das Wort »mal« im Beispiel der Küchensituation die beschriebene Wirkung auf jemanden hat, wünscht derjenige sich vielleicht wahrgenommen zu werden: Auch ich helfe regelmäßig im Haushalt mit. Schade, dass das nicht gesehen wird. Oder Gerechtigkeit: Ich beschwere mich ja auch nicht, wenn du im Haushalt bestimmte Dinge nicht erledigst. Oder ein harmonisches Miteinander: Zu Hause möchte ich keinen Streit. Davon hab ich auf der Arbeit schon genug. 

Wenn du den Zusammenhang zwischen unerwünschter Formulierung und unerfülltem Wunsch erkennen kannst, bist du einen großen Schritt weiter. Denn dann kannst du dich mit deinen Bedürfnissen auseinandersetzen und diese gegenüber dem anderen sogar auch ansprechen, statt dich oberflächlich mit Reizformulierungen zu befassen.

Anregung 2: Vermeide Reizformulierungen so gut du kannst oder formuliere sie um

Schule dein Bewusstsein für Reizformulierungen und versuche auf sie komplett zu verzichten. Falls sie dir doch rausrutschen, formuliere neu oder sprich deine Sorge vorbeugend an, zum Beispiel so: »Oh, mit dem ›mal‹ wollte ich nicht andeuten, dass du weniger im Haushalt machst.« Und wenn der andere Humor hat, kannst du ergänzen: »Oder vielleicht doch!?« Das aber am besten mit einem Lächeln im Gesicht und mit Liebe in der Stimme.

Anregung 3: Betrachte Reizformulierungen mindestens aus zwei Perspektiven

Ein und dasselbe Wort kann für den einen eine Reizformulierung sein und für den anderen eine völlig unproblematische Äußerung. Wenn du ein bestimmtes Wort als Kränkung empfindest, siehst du damit zugleich den anderen in einem bestimmten Licht. Wie wir in Kapitel 2 gesehen haben, gibt es keine Konflikte ohne unsere Bewertung. Auch hier zeigt sich: Das Wort »mal« an sich ist nicht böse. Schlimm wird das Wort erst dann, wenn du
ihm eine bestimmte Bedeutung zuschreibst. Wenn du es für eine subtile Kritik hältst. Es ist also nicht das Wort, das dich kränkt, sondern deine Interpretation (mehr dazu auch in Kapitel 2.3). Es ist also nie der andere, der dich kränkt, sondern du selbst. Aber das hatten wir ja schon …

Anregung 4: Erkenne an, dass ein Leben ohne Reizformulierungen unmöglich ist

Bei aller Liebe und Leidenschaft, es wird dir nicht gelingen, auf riskante Formulierungen immer und überall zu verzichten. Auch deinem Gegenüber werden hin und wieder ungünstige Worte entschlüpfen. Sei also vorbereitet auf Konfrontationen dieser Art und auf dein Scheitern. Wie Samuel Beckett empfiehlt: »Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.«


Du nimmst mit … 

Kommunikationskonflikte treten häufig auf und sie sind nicht immer leicht zu erkennen. Gerade das Zusammenspiel aus Wort, Stimme und Körpersprache macht es oft zu einer komplexen Angelegenheit. Und unsere Neigung, etwas hineinzuinterpretieren tut ihr Übriges.