Fremdsprachfehler begehen (Job)

In der Pharma-Industrie. Laborleiter Karl legt Abteilungsleiter Paul einen Berichtsentwurf vor. Der Bericht ist auf Englisch. Karl hasst Englisch. Er fühlt sich einfach unsicher. Vor allem weil Pauls Englisch tausendmal besser ist. Paul überfliegt den Entwurf, und Karl sieht, wie Paul die Stirn runzelt, den Oberkörper zurückzieht und den Kopf neigt. Und Karl ahnt, dass sein Vorgesetzter gleich etwas Abfälliges sagen wird. Warum? Weil Karls Englisch noch lange nicht fehlerfrei ist. Karl, eigentlich Karesz und geboren in Ungarn, kam erst vor wenigen Jahren nach Deutschland und hadert noch mit der Sprache.

Was Karl befürchtet hat, tritt ein. »Was ist das denn für ein Englisch?«, raunzt ihn Paul ziemlich laut an, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Karl spürt einen Stich in seiner Brust, und Scham macht sich breit. Und Ärger darüber, dass Paul so kühl und verletzend ist. Bei aller Aufgebrachtheit, kann Karl dennoch einen Joker aus dem Ärmel ziehen: »Sie haben wohl gedacht, das wäre mein Englisch? Weit gefehlt! Ich habe es extra dem Dolmetscher gegeben, der noch ein paar Ungenauigkeiten rausgenommen hat. Also ist alles einwandfrei.« Auch wenn Karl einen kleinen Sieg davongetragen hat, so richtig gut geht es ihm nicht. Der Ärger über Pauls Kommentar sitzt tief. Wie würdest du dich als Karl mithilfe des Anti-Ärger-Modells in dieser Situation behaupten? Gehe wieder ganzheitlich vor, indem du alle fünf Phasen des Modells Schritt für Schritt durchläufst.
Überlege zunächst selbstständig, wie du die fünf Phasen anwenden würdest. Auf der nächsten Seite kannst du prüfen, inwieweit du und ich ähnlich vorgehen würden.

  • Deeskalieren
  • Analysieren
  • Minimieren
  • Konfrontieren
  • Positionieren

Phase 1: Deeskalieren

Wie Mona beginnt auch Karl mit der Nicht-Reaktion. Denn wer sich erst einmal kurz auf die Zunge beißt, davon ist Karl überzeugt, vermeidet unbedachte Äußerungen. Äußerungen, die den Konflikt verschlimmern, statt ihn zu lösen. Wie Mona begnügt sich Karl – in seiner ersten Reaktion – aufs Atmen und Klappe halten.

 

Phase 2: Analysieren

Während der selbstbestimmten Stille fragt er sich bereits nach möglichen Ursachen. Er weiß, dass er später deutlich leichter minimieren und konfrontieren kann, wenn er erst einmal versteht, was passiert ist und warum er sich ärgert. Er geht die acht möglichen Konfliktursachen Schritt für Schritt durch und beginnt mit Nummer 1, dem Zielkonflikt: Haben er und sein Chef unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich des Umgangs mit Sprachgenauigkeit? Oh ja, während Paul Dinge einfach raushaut, wünscht sich Karl einen einfühlsamen und fragenden Umgang. Kritik würde er schon aufnehmen, aber nicht auf diese Art, insofern stellt Karl auch einen Methodenkonflikt vor. Und natürlich fußt dieser auf der Art und Weise wie Paul kommuniziert, wir können den Streit also auch als Kommunikationskonflikt begreifen. Was Karl besonders trifft ist, dass seine Bedürfnisse nach Wahrnehmung und Wertschätzung nicht erfüllt sind. Wenn Paul sagt »Was ist das denn für ein Englisch?«, fühlt Karl sich nicht gesehen, und er erlebt diese Frage nicht auf wohlwollender Augenhöhe.

 

Phase 3: Minimieren

Bevor Karl in Phase 4, dem Konfrontieren, seinen Mund aufmachen wird, widmet er sich erst den eigenen Anteilen am entstandenen Ärger. Er fragt sich: Was hat der Ärger über Paul mit mir selbst zu tun? Oder auch: Welche Anteile des Ärgers haben nichts mit Paul zu tun, sondern liegen allein bei mir? Schon die erste Strategie, die Peter-und-Paul-Strategie hilft ihm, denn er erkennt: Paul hat offensichtlich schlechte Laune und will sie an ihm auslassen. Es hat also nichts mit Karl zu tun, sondern mit Paul. Karl ist einfach gerade ein Ärger-Ventil für Paul, das dieser sicher auch bei anderen Menschen suchen würde. Karl erkennt: Paul ist in Not, und Karl kann sich über Anteilnahme an dieser Not aus der Schusslinie nehmen.

Weil das jedoch noch nicht ausreicht, um den Ärger komplett aufzulösen, geht Karl über zur zweiten Ärgerminimierungsstrategie, dem Reframing, und er fragt sich: Was lerne ich, Karl, hier gerade (von Paul beziehungsweise vom Leben)? Welchen Entwicklungsschritt habe ich noch nicht zurückgelegt beziehungsweise welche Kompetenz habe ich noch nicht erlangt? Karl wird klar, dass abwertende Äußerungen über seine Sprache ihn leider immer noch sehr treffen. Er kann einsehen und hierdurch lernen, wie viel Macht er anderen (noch) gibt. Das muss so nicht bleiben. Er kann sich von dieser Machtübergabe befreien und unabhängig werden. Plötzlich kann er sogar so etwas wie Dankbarkeit gegenüber Paul empfinden: Als Ärger-Anbieter hilfst du mir heute (unbewusst), meine Unabhängigkeit und Resilienz gegenüber schroffen Äußerungen zu entwickeln. Dank weiterer Anti-Ärger-Strategien wie dem Situationsmodell, der Positiven Absicht, dem Entwicklungsquadrat und The Work minimiert Karl seinen Ärger auf ein Minimum.

 

Phase 4: Konfrontieren 

Wenn Karl nach Phase 3 noch Restärger spürt, geht er über zum Setzen von Grenzen mithilfe von Feedback. Wie Mona klärt Karl zunächst sachlich auf, in der Annahme, dass Paul an einem für beide Seiten guten Miteinander interessiert ist. Er könnte sagen: »Ich schäme mich, wenn du meine fehlende Sprachgenauigkeit ansprichst. Zumal es in diesem Fall ja nicht einmal berechtigt war.« Oder indem er versachlichend nachhakt: »Welcher Passus genau ist sprachlich betrachtet nicht perfekt?« Falls Paul darauf wohlwollend eingeht, wunderbar. Falls nicht geht Karl zum schlagfertigen Kontern über, zum Beispiel: »Das ist vom Dolmetscher« (mit Freude im Gesicht und Liebe in der Stimme) oder »Was verstehen Sie genau unter Englisch?« und wenn Karl völlig befreit ist, könnte er auch fragen: »Welche Gefühle hast du, wenn du mich das fragst?« Sollte Paul die Souveränität und die Ironie erkennen und einlenken, wunderbar. Falls nicht, falls Paul weiter attackiert oder sogar eskaliert, bleibt Karl immer noch das nonverbale Irritieren. Er könnte einfrieren, sodass Paul nicht den Gewinn hat, in seinem Gesicht eine Kränkung zu sehen. Oder er könnte dem Blick ausweichen und so tun, als müsste er sich gerade die Nase putzen, in der Schublade nach etwas suchen oder das Fenster öffnen, allein mit dem Ziel, Paul mit Ignoranz zu versorgen.

 

Phase 5: Positionieren

Sollte Paul alle drei Konfrontationsstrategien parieren und einfach so weitermachen, trifft Karl eine Entscheidung, wie er trotz des nicht erreichten Konfrontationsziels obenauf bleiben kann. Ob er es akzeptiert oder toleriert oder Karl exiliert oder sich selbst verdünnisiert, Karl entscheidet am Ende des fünfstufigen Anti-Ärger-Modells völlig autonom, wie sein Leben weitergeht. Und das ist gut so.