Einleitung - Wer hat was von diesem Buch?

Einleitung - Wer hat was von diesem Buch?

Geschrieben am 04.01.2020
von Philipp Karch



Dieses Buch ist nicht für dich geeignet, wenn du dich fast nie ärgerst.
Solche Menschen soll es ja geben. Nicht viele, aber vielleicht gehörst du
zu ihnen. Dieses Buch ist auch nichts für dich, wenn du Ärger sogar geil
findest. Solche soll es ja auch geben. Menschen, die Ärger als angenehme
Lebendigkeit erleben und ihr Leben als langweilig einstufen, wenn Ärger
fehlt. Und es ist wahrscheinlich auch nichts für dich, wenn dir Förmlichkeit
und Höflichkeit wichtig sind. Wenn dich zum Beispiel dieses Duzen
hier schon aus der Bahn wirft, leg das Buch lieber weg.

Wenn du allerdings zu jenen Menschen gehörst, die sich weniger oft oder
weniger lange oder weniger heftig über andere ärgern wollen, dann wirst
du in diesem Buch viel Nützliches finden. Und wenn du sogar zu jenen
gehörst, die sich nicht nur über andere ärgern, sondern über den Ärger
selbst, dann wird dieses Buch auf jeden Fall für dich richtig sein. Es wird
dir die Augen öffnen für die eine oder andere Selbsttäuschung und dich
dabei unterstützen, dir selbst auf die Schliche zu kommen.

Doch beginnen wir erst einmal mit dem, was uns alle umgibt. Wo stehen
wir gerade in unserer Berufs- und Arbeitswelt? Früher war nicht alles besser,
aber vieles einfacher. Vor allem im Hinblick auf Konflikte und Konfliktangebote.
Die Situation am Arbeitsplatz war weniger komplex und weniger
kompliziert: Deine Position war klar, dein Aufgabenspektrum konstant,
dein Arbeitsvolumen erträglich. Zwar gab es schon immer Missverständnisse
und Auseinandersetzungen. Doch Tragweite und Umfang waren anders:
Die Dinge waren erwartbar, überschaubar und handhabbar.

Und was hat sich nicht alles in den letzten Jahren geändert! Das Arbeitstempo:
Immer schneller prasseln Anforderungen auf uns herein. Ob Anrufe,
E-Mails oder Deadlines. Wir müssen öfter und schneller liefern. Dazu
das Arbeitspensum: Für viele war es vor nicht allzu langer Zeit normal, dass
sie die Arbeit spätestens ab 17 oder 18 Uhr verließen und mit ihren Familien
zu Hause den Abend verbrachten. Nicht nur physisch, sondern auch
psychisch. Die Arbeit blieb da, wo sie hingehört: im Büro, am Arbeitsplatz.

Heute fehlt in vielen Familien oft ein Elternteil beim Abendessen, und
wenn doch beide da sind, denkt einer wahrscheinlich immer mal wieder
an die liegen gebliebene Arbeit. Loslassen ist schwer geworden, weil der
Schreibtisch einfach nicht mehr richtig leer werden will. Und schließlich
die Rollenbilder: Früher hattest du wahrscheinlich eine eindeutige Stellenbeschreibung,
ein konstantes Team, einen klar umrissenen Tätigkeitsbereich
und einen einzigen Arbeitsort. Alles an seinem Platz. Tagein, tagaus.
Heute weißt du manchmal morgens noch nicht, welche Verantwortlichkeiten
und Zuständigkeiten dich den Tag über erwarten. Die von dir verlangte
Rollenflexibilität ist hoch. Mal Konzeption, mal Produktion, mal Vertrieb.
Mal musst du Entscheidungen allein treffen, mal auf Augenhöhe mitdiskutieren,
mal nur informiert sein. Denk nur an die vielen E-Mails im CC, die
du täglich ablegst und hoffst, nie darauf angesprochen zu werden.

Wir halten fest: Arbeit als solche hat sich für viele gravierend verändert.
Doch neben Arbeitstempo, -umfang und Rollenflexibilität gibt es noch ein
weiteres ernst zu nehmendes Phänomen: die Kosten für Konflikte. Nach
einer KPMG-Studie aus dem Jahre 2009 bewegen sich projektbezogene
Konfliktkosten zwischen 50.000 und 500.000 Euro, je nach Projektgröße
(https://www.kpmg.de/Publikationen/11479.asp).

Wodurch entstehen diese Kosten konkret? Manche Angestellte werden
vielleicht kündigen, und die Firma verliert wichtiges Know-how. Andere
werden (dauerhaft) krank, und die Firma verliert an Produktivität. Und
einige Mitarbeiter kooperieren einfach nicht mehr, und die Firma verliert
an Zusammenhalt, Offenheit und Wertschätzung. Du kennst die beiden
Schlagworte »Dienst nach Vorschrift« und »innere Kündigung«? So nennt
die Gallup-Studie Engagement Index (http://www.gallup.de/183104/engagement-
index-deutschland.aspx) aus dem Jahre 2016 zwei Haltungen, die
sinnbildlich für die oben beschriebenen Trends stehen. Nach dieser Studie
haben 15 Prozent der Beschäftigten innerlich gekündigt und 70 Prozent
sind emotional gering gebunden, das heißt, sie machen lediglich Dienst
nach Vorschrift. Weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer können mit dieser
Entwicklung zufrieden sein. Und ein bloßes Weiter-so ist deshalb keine
gute Lösung. Nehmen wir dies alles zusammen – auf der einen Seite die
hohe Wahrscheinlichkeit von Konflikten, auf der anderen Seite die hohen
Kosten – besteht offensichtlich Handlungsbedarf. Was also ist zu tun? Welche
Optionen hast du?

 

Option 1: Nichts tun. 

In der stillen Hoffnung: Wird schon gut gehen. »Et hätt noch emmer joot jejange«, sagt der Kölner. Allerdings: Auch der 1. FC
Köln ist immer mal wieder auf den hinteren Rängen (und manchmal sogar
in der zweiten Liga). Aus meiner Sicht heißt das: Wer marginalisiert, ist
blind. Wer beschönigt, lügt sich in die Tasche. Und wer ernsthaft Dinge
aussitzt und die Augen zumacht, darf sich nicht wundern, am Ende eine
hohe Rechnung zu zahlen.

 

Option 2: Abhauen.
Zunächst sicher ein verständlicher Gedanke: den ganzen
Schlamassel einfach zurücklassen und anderswo neu anfangen. Problem:
Wer garantiert dir, dass es dort besser sein wird? Womöglich nimmst
du deine Probleme einfach nur mit, und du gerätst vom Regen in die Traufe.
Und wer garantiert dir, dass du überhaupt eine neue Stelle findest, sich
dein Gehalt nicht verschlechtert, die Pendelei nicht zunimmt? Wir sehen:
Abhauen birgt so manches Risiko.

 

Option 3: Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Konfliktangeboten.

Du erkennst, was Konflikte mit dir zu tun haben und entwickelst
dich dabei weiter. Du baust eine ganzheitliche Konfliktkompetenz auf –
mit den beiden Säulen Prävention und Bewältigung.

Entscheidest du dich für diese dritte Option, was kannst du dann konkret
tun? Du kannst ein Seminar besuchen und den einen oder anderen
Aha-Moment erleben. Nicht falsch, aber reicht das? Du kannst zusätzlich
ein Coaching beginnen, das tiefer geht und dadurch nachhaltiger wirkt. Oft
eine gute Idee, aber der Prozess kann recht kostspielig werden. Du kannst
auch eine Therapie machen, falls der Leidensdruck bereits sehr hoch ist. In
bestimmten Fällen genau der richtige Ansatz, wobei sich die gewünschten
Erfolge häufig erst zeitversetzt einstellen. Was auch immer du bei Option 3
versuchst, es bleibt das Risiko, dass das Unterfangen weniger wirkt, als
du erwartest, länger dauert, als du möchtest und teurer wird, als du es dir
wünschst.

Ob du dich für Weiterbildungen, Coaching oder Therapie entscheidest, dieses
Buch unterstützt dich auf deinem Weg zur neuen Ärger-Kompetenz.
Das Buch verbindet Theorie und Praxis, der Schwerpunkt liegt eindeutig
auf der Praxis, nach dem Grundsatz »So wenig Theorie wie möglich und
so viel wie nötig.« Es geht dabei um ein einziges Ziel: Deine Konflikte so
schnell wie möglich zu lösen, um wieder souverän und gelassen handeln
zu können.

Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt. In Kapitel 1 Zehn Tipps für Ärgernotfälle
erhältst du Anregungen, wie du unmittelbar und wirkungsvoll
reagieren kannst, wenn Ärger droht. Diese Handlungsideen dienen dir als
Soforthilfe, um dich zu schützen – und zwar vor zu viel Ärger. Dabei geht es
nicht darum, den Konflikt unbedingt aufzulösen oder dauerhaft zu bewältigen.
Zunächst möchtest du ihm nur mal eben schnell ausweichen. Wohlwissend,
dass der Ärger wiederkommen kann. Doch es gibt Situationen, da
reicht dir genau das: Hauptsache eine schnelle Linderung im Hier und Jetzt.

Solche Quick-and-Dirty-Ansätze sind zwar vielfach einsetzbar, aber nicht
immer nachhaltig. Es wird Konflikte geben, denen du nicht nur punktuell
aus dem Weg gehen möchtest, sondern die du für immer loswerden willst.
Für dieses Anliegen vermittelt dir Kapitel 2 – Das Warum hinter dem Ärger
und die Kunst loszulassen
– den so wichtigen Unterschied zwischen
Konflikten und Konfliktangeboten. Du wirst sehen: Von Natur aus gibt es
überhaupt keine Konflikte – sie entstehen allein durch dich. Und wenn
sie allein durch dich entstehen, dann können sie auch allein durch dich
wieder verschwinden. Durch einen einfachen Trick. Mehr dazu ab Seite 31.

Diesen Trick der Ärgerauflösung wirst du künftig häufig anwenden können.
Ich schätze, 85 bis 90 Prozent deiner bisherigen Konflikte wirst du
so auf einen Schlag loswerden. Wunderbar. Doch was machst du mit den
übrigen? Mit jenen Ärgersituationen, die du weder quick-and-dirty wegminimieren
noch einfach so auflösen kannst? Für diese hartnäckigen Fälle
bietet sich der High-and-Wide-Ansatz in den Kapiteln 3 bis 8 an: Ein Modell,
fünf Phasen und der Ärger ist weg – das Anti-Ärger-Modell (AÄM)
,
das Kernstück dieses Buches. Das AÄM ist ein hocheffektives und leicht
zugängliches Instrument, das dir in jedem erdenklichen Konflikt im beruflichen
oder privaten Alltag zur Seite steht.

In diesen Kapiteln des Buches werde ich dir Schritt für Schritt die fünf
Phasen des Prozesses erläutern, den du mit dem Anti-Ärger-Modell durchläufst
(siehe auch auf die Abbildung auf der folgenden Seite). Das Kapitel 4
Deeskalieren (Phase 1): Entschärfen, was explodieren könnte vermittelt
dir wichtige Beruhigungs- und Entspannungsstrategien, die du gleich zu
Beginn der Konfliktwahrnehmung einsetzen kannst, um die Situation
zu entschärfen. In Kapitel 5 Analysieren (Phase 2): Verstehen, was vorgefallen
ist
stelle ich dir acht Konfliktursachen vor, die dir begreiflich
machen, was überhaupt vorgefallen ist – und warum. Das Kapitel 6 Minimieren
(Phase 3): Auflösen, was sich auflösen lässt
vermittelt dir neun
Strategien zur Ärgerminimierung, um den größten Ärger loszulassen und
dich anschließend besser wehren zu können. Und genau darum geht es
dann in Kapitel 7 Konfrontieren (Phase 4): Grenzen setzen, wo sich Grenzen
setzen lassen
: um das komplexe Thema Feedback. Hier erfährst du,
wie du gekonnt Grenzen setzen kannst, damit du dich in Zukunft weniger
ärgerst. Im abschließenden Kapitel 8 Positionieren (Phase 5):
Loslassen, wenn es nichts mehr zu tun gibt
, lernst du, wie du ganz am Ende
loslassen kannst, wenn es für dich nichts mehr zu tun gibt. In Kapitel 9
Was würdest du tun? Üben am Beispiel kannst du prüfen, inwieweit
du die neuen Kompetenzen schon parat hast, um sie im Alltag
anzuwenden. Ob du sie nur kennst oder auch schon kannst. Denn nur das,
was auch praktisch funktioniert, ist tatsächlich gut. Kapitel 10 Fazit und Ausblick
fasst wesentliche Aussagen des Buches nocheinmal zusammen und wirft
einen Blick auf das, was ansteht und möglich ist.

Mein Bemühen war es, das Buch möglichst kurzweilig zu gestalten, damit
dir das Lesen und Lernen leichtfällt und sogar Spaß macht. So entstand
– hoffe ich – ein effektives Werkzeug für die Praxis, das sich schnell erfassen
lässt und dich bei der Konfliktarbeit auch immer mal wieder zum
Schmunzeln bringt.

Einsteigen kannst du nun, wo auch immer du möchtest. Sämtliche Teile
des Buches sind unabhängig voneinander verständlich. Du kannst also
gleich eine Seite umschlagen und dir ein paar Quick-and-Dirty-Ansätze
draufpacken. Oder ab Seite 31 erst mal einen Großteil deiner Konflikte
im Handumdrehen auflösen. Oder gleich zu Seite 47 ff. gehen, um dich
dem ganzheitlichen Anti-Ärger-Modell zu widmen. Wie auch immer du beginnst,
eins ist sicher: Deine bisherige Zeit- und Energieverschwendung angesichts
unnötiger Ärgermomente wird signifikant zurückgehen. Und bald
wirst du voller Stolz und Erleichterung sagen können: Ärger war gestern!

Zugunsten einer besseren Lesbarkeit wurde in diesem Buch auf die gleichzeitige
Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.
Verwendet wurde ausschließlich die männliche Bezeichnung, wobei sämtliche
Bezeichnungen für beide und sonstige Geschlechter gelten.