Feedback-Thesen

Es gibt gute Gründe, auf Feedback zu verzichten, denn im schlimmsten Fall drohen Auseinandersetzung, Ablehnung und sogar Ausgrenzung. Trotz dieser Risiken kann es sich - unterm Strich - lohnen, den Schritt zu wagen, denn Schweigen heißt oft Zustimmung. Mit anderen Worten: Sagst du etwas, kannst du viel gewinnen, aber auch einiges verlieren. Sagst du nichts, hast du schon verloren. Verloren in dem Sinne, dass dein Gegenüber denkt: Mit dir kann man es ja machen.

Falls du dich für das Risiko einscheidest, werde dir VOR deinem Feedback bewusst, mit welcher Einstellung du deine Rückmeldung gibst. Hierfür dienen die folgenden "sieben Thesen zur Feedback-Haltung":

  1. Feedback ist alternativlos, denn eine Nichtreaktion ist unmöglich
  2. Es ist deine Verantwortung, denn Mama und Papa sind nicht mehr da.
  3. Feedback ist ein Risiko, denn das Leben lässt sich weder planen noch kontrollieren 
  4. Feedback bedeutet Entwicklung, denn auch ein Rückschritt kann ein Fortschritt sein
  5. Feedback ist Beziehungspflege und das Gegenteil von Lügen.
  6. Feedback erfüllt Wünsche, keine Erwartungen.
  7. Feedback ist nicht dein letztes Mittel, denn du hast noch die "2L".


These 1: Feedback ist alternativlos, denn eine Nichtreaktion ist unmöglich

Jemand tut dir etwas an. Du hast die Wahl, wie du reagierst. Nicht ob du reagierst. Sondern wie du reagierst. Denn egal, was du tust oder nicht tust: Es ist Feedback – verstanden als eine Reaktion auf einen Reiz. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick formuliert dieses Phänomen so: »Du kannst nicht nicht kommunizieren«. Für uns heißt das übertragen: Du kannst nicht nicht feedbacken.

Du zeigst immer eine Reaktion. Ob sie richtig gedeutet wird, darum geht es nicht. Es geht hier lediglich um die Einsicht, dass du im menschlichen Miteinander dazu verdammt bist, ständig Feedback zu geben. Ob du willst oder nicht. Egal, welche Signale du von dir gibst, sie kommen bei deinem Gegenüber an. Selbst wenn er nichts wahrnimmt, ist auch das Teil eurer Kommunikation. Du schaust weg und meinst, es wäre kein Feedback? Du siehst deinem Gegenüber in die Augen und schweigst? Du atmest bloß aus, ohne etwas zu sagen? Ja, selbst wenn du weggehen würdest oder gar nicht erst erschienen wärest. Keine Chance. Alles Feedback.

Was heißt das für dich? Ganz einfach: Wenn du ums Feedback sowieso nicht herumkommst, mach das Beste draus. Nutze die Notwendigkeit als Chance.




 


These 2: Es ist deine Verantwortung, denn Mama und Papa sind nicht mehr da.

Deine Mutter ist nicht da. Dein Vater auch nicht. Und das ist gut so. Du bist erwachsen und deshalb selbst verantwortlich für dein Leben. Also auch für dein Wohlbefinden. Du kannst diese Zuständigkeit natürlich abgeben: an einen fürsorglichen Chef, einen starken Fürsprecher, eine kämpferische Kollegin. Der Vorteil: Du musst dich nicht anstrengen, andere machen deine Arbeit. Die Gefahr: Du erscheinst womöglich als Schwächling. Wirst vielleicht als Opfer wahrgenommen, dem stets ein Retter zur Seite springen muss. Und begibst dich in Abhängigkeit. Denn was machst du, wenn deine Helfer gerade nicht da sind?

Was heißt das für dich? Steh für dich ein und übe Selbstbehauptung. Sei jemand, auf den du stolz sein kannst, wenn du abends in den Spiegel schaust. Weil du dich bestmöglich eingesetzt hast – für dich und dein Wohlbefinden. Feiere deinen Krafteinsatz, deine Entschlossenheit – selbst dann, wenn du mit dem Ergebnis nicht (völlig) zufrieden bist.




 


These 3: Feedback ist riskant, denn das Leben lässt sich weder planen noch kontrollieren 

Feedback ist die Königin der Kommunikation, so meine Überzeugung. Keine Gesprächsart verlangt zugleich so viel Einfühlung, Präzision bei Formulierungen und Fingerspitzengefühl für die jeweilige Situation wie Feedback. Ganz anders zum Beispiel als Verhandlungs- oder Präsentationstechniken, die du in nahezu jedem Kontext immer wieder auf dieselbe Art anwenden kannst. 

Feedback hingegen ist jedes Mal ein Wagnis. Warum? Weil du nie wissen kannst, welche Laus deinem Gegenüber heute über die Leber gelaufen ist. Oder welche frühkindlichen Kränkungen er mit sich rumträgt. Ein Beispiel: Ein vergleichsweise harmloses Wort wie »Vereinbarung« kann bei deinem Gegenüber einen mittelschweren Tsunami auslösen, wenn dessen Eltern ihn in seiner Kindheit immer wieder mit diesem Begriff gängelten (»Du hast schon wieder eine Vereinbarung nicht eingehalten!«). Woher sollst du wissen, dass dieses Wort eine so verheerende Wirkung auf ihn hat? Ob vorübergehende Stimmungen oder tiefe Prägungen, du begibst dich mit jedem Feedback auf Glatteis. 

Was heißt das für dich? Sei dir auf der einen Seite bewusst, dass du ein Risiko eingehst. Und scheue es auf der anderen Seite nicht. Wie du ja weißt: Feedback lässt sich nicht vermeiden. Also entscheide dich, lieber bewusst etwas zu wagen und zu steuern, als die Dinge einfach laufen zu lassen. Denn auch das birgt Risiken.  




 


These 4: Feedback bedeutet Entwicklung, denn auch ein Rückschritt kann ein Fortschritt sein

Du wirst immer mal wieder einen Rückschlag erleben. Und möglicherweise sogar bedauern, dass du (aktiv) Feedback gegeben hast. Doch du kannst es auch anders sehen, das heißt günstiger bewerten: Du bist das Wagnis des Feedbacks eingegangen. Du hast eine Veränderung eingeleitet. Und da Veränderungen oft mit Ängsten und Widerständen verbunden sind, ist eine Erstverschlimmerung erwartbar. Erst geht es einen Schritt zurück, bevor zwei nach vorne folgen können. Was auch immer eintritt: Das Potenzial zur Veränderung ist zu begrüßen.

Was heißt das für dich? Urteile nicht zu schnell. Betrachte alle eintretenden Phasen und Ergebnisse – egal wie unerfreulich sie erscheinen – als notwendige Zwischenschritte einer Entwicklung. Nicht umsonst heißt es Krise als Chance.




 


These 5: Feedback ist Beziehungspflege, denn ohne Austausch keine gemeinsame Entwicklung

Was ist die Alternative zum aktiven Feedback? Du schweigst vielleicht aus Höflichkeit, vielleicht aus Diplomatie, vielleicht aus Feigheit. Welchen Grund auch immer du aufführst für deine Zurückhaltung, unterm Strich bezahlst du womöglich einen hohen Preis. Zwar hältst du nach außen Ruhe und Frieden aufrecht. Doch der Schein trügt. Denn im Kessel steigt der Druck.

Außerdem: Wie soll ein offenes, ehrliches und vor allem vertrauensvolles Verhältnis zu deinem Gegenüber entstehen, wenn du ihm nicht sagst, was sein Verhalten bei dir auslöst? Willst du eine Beziehung führen, in der du deinem Gegenüber deine kritischen Gedanken vorenthältst? Aus meiner Sicht wäre diese Haltung eine Lüge zweiter Ordnung: Deine Kritik am anderen behältst du für dich. Du lässt ihn im Unklaren und gaukelst ihm Harmonie vor.

Wie die Theorie um die 9 Eskalationstufen zeigt, eskalieren ungelöste Verstimmungen gerne mal. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann später. Und später kommt manchmal früher als du glaubst.

Was heißt das für dich? Raus mit der Wahrheit. So schnell wie möglich – und so einfühlsam wie möglich. Denn Wahrheit schafft Klarheit, und Klarheit schafft Beziehung. Wenn du deine Wahrheit deinem Gegenüber zumutest, trägst du zu Klarheit zwischen euch bei. Und wenn du Klarheit ermöglichst, entsteht Beziehung. Beziehung im Sinne von »ich kann dir trauen« und »Reibung gehört dazu, denn du und ich, wir sind nicht immer gleich«.




 


These 6: Feedback formuliert Wünsche, keine Erwartungen. Denn Erwartungen machen unfrei 

Viele Menschen äußern ihr Feedback nicht ergebnisoffen, sondern hegen bestimmte Erwartungen. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Sie gehen davon aus, dass der andere nach dem Feedback sein Verhalten auf jeden Fall ändern wird. Für diese Menschen ist Feedback quasi ein Korrekturinstrument. Mit eingebauter Erfolgsgarantie. Wer so vorgeht, verwechselt bittendes Feedback mit fordernder Erwartung. 

Der Unterschied zwischen Bitte und Erwartung ist jedoch fundamental. Bittest du jemanden, etwas zu tun – oder zu unterlassen –, hat der andere die Wahl. Er kann zustimmen oder ablehnen. Erwartest du aber vom anderen eine prompte Verhaltensänderung, erhebst du dich über ihn. Wer Feedback auf diese Weise missbraucht, verwendet es als Mogelpackung. Er kaschiert die Erwartung als Wunsch und ist dann enttäuscht, wenn der andere dem Wunsch nicht gehorcht. Und der Feedbacknehmer tut dies vor allem deshalb nicht, weil er keinen Wunsch gehört hat, sondern eine Forderung. Oder gar einen Befehl. Wenn du Feedback mit einer Erwartungshaltung verknüpfst, zwingst du deinen Gegenüber eine Handlung zu vollziehen, die du für ihn vorgesehen hast. Er muss dabei auf seine Freiheit verzichten. Oder sich entziehen. Und dann hast du das Problem der unerfüllten Erwartung (siehe auch Konfliktdefinition). 

Was heißt das für dich? Bevor du sprichst, geh in dich und kläre, ob du dein Feedback auf Augenhöhe formulierst und ob es ein vorsichtiges Anfragen mit Nein-Option ist. Falls nicht, schweige. Oder sprich aus, was es in Wahrheit ist: eine Erwartung. Dann weiß der andere wenigstens, woran er ist.  




 


These 7: Feedback ist nicht dein letztes Mittel, denn es gibt noch die 2L

Stell dir vor, du hast es mehrfach mit den unterschiedlichsten Feedback-Strategien probiert. Doch vergebens: Dein Gegenüber zeigt sich veränderungsresistent. Kaum auszuhalten für dich. Ganz zu schweigen vom Gesichtsverlust, da der andere sich mit seinem »Nein« durchgesetzt hat.

Doch selbst wenn du erkennst, dass dein Gegenüber mit Feedback nicht erreichbar ist, kannst du erhobenen Hauptes die Arena verlassen. Jedenfalls dann, wenn du alles gegeben hast. Dann hast du die Wahl zwischen zwei Haltungen: Das »Love it« und das »Leave it«.

Was heißt das für dich? Weil es diese beiden Auswege gibt, lohnt sich jeder Feedbackversuch. Gäbe es sie nicht, wäre es tatsächlich klug, so manches Feedback zu lassen. Doch allein du entscheidest, wie es im Fall eines für dich ungünstigen Ausgangs weitergeht. Also kannst du Feedback selbstbewusst einsetzen – wo und wann immer nötig.