Minimierungsstrategie (1/9): Peter & Paul


Lässt du dich noch ärgern oder erkennst du schon die Not des Anderen?

Stell dir vor …

Das Meeting beginnt ohne dich, denn du bist zu spät. Es ist dir unangenehm. Du spürst eine Mischung aus Schuld und Scham. Nicht schön für dich, aber du kommst damit zurecht. Bis du dem Blick deines Chefs begegnest: Er schaut dich direkt an und verdreht dabei deutlich sichtbar die Augen. Und plötzlich wird dir heiß und du fühlst dich ertappt. Gleichzeitig spürst du, wie Wut in dir aufsteigt. Die kannst du jedoch für dich behalten. Impulskontrolle hast du ja gelernt.

Doch du fragst dich verärgert: Warum kann er diese kleine Verspätung nicht unkommentiert durchgehen lassen? Oder seinen Kommentar wenigstens aussprechen, statt diese stumme Kritik zu äußern, die du als feige empfindest?


Theoretisch heißt das …

»Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.« So in etwa hat es der Philosoph Spinoza formuliert. Wie kann dir dieser Satz helfen, das nonverbale Augenverdrehen besser auszuhalten? Indem du dir klarmachst: Jemand (hier: Peter beziehungsweise dein Chef) äußert sich über jemand anderen (hier: über Paul beziehungsweise dich), doch die Art und Weise, wie er das tut, sagt mehr über ihn selbst aus als über den anderen.

Wenn du genau hinschaust, kannst du in Äußerungen, Mimik und Gestik erkennen:

  • Was dein Gegenüber beobachtet hat,
  • wie er seine Beobachtungen (aufgrund seiner Vorerfahrungen) interpretiert hat,
  • wie er seine Interpretation bewertet hat,
  • ob seine Bewertungen auch zu Urteilen geführt haben und
  • ob seine Bewertungen und/oder Urteile auch Emotionen ausgelöst haben.

Du erfährst also indirekt, wie dein Gegenüber die Welt wahrnimmt, was diese Wahrnehmung bei ihm auslöst und was er davon wie preisgibt. Für dein Gegenüber bist du meist nur eine Projektionsfläche. Mal haben seine Konstruktionen mehr, mal weniger und mal auch gar nichts mit dir zu tun. Es liegt an dir, ob und inwieweit du dich ihm dafür zur Verfügung stellst. Dein Gegenüber informiert dich zunächst einmal lediglich darüber, wie es gerade um ihn bestellt ist.

Die Ursache für das Auftreten deines Chefs im Beispiel oben ist bei ihm selbst zu suchen. Deine Verspätung stellt lediglich den Auslöser für dieses Verhalten dar.


Praktisch bedeutet das …

3 Anregungen im Umgang mit typischen Peters

Anregung 1: Geh mit Deutungsmöglichkeiten flexibel um Egal welches Konfliktangebot du erhältst, du bist völlig frei, damit zu machen, was du willst.
Denn ob du Angst, Trauer, Schuld, Scham oder auch Wut generierst, ist letztlich davon abhängig, wie du die Situation – im oben geschilderten Fall das Augenverdrehen – deutest. Wenn du denkst: »Oh, mein Chef verdreht schon wieder die Augen. Das tut er bei mir viel öfter als bei anderen.« wirst du dich möglicherweise richtig elend fühlen. Wenn du hingegen denkst: »Oh, er verdreht die Augen, weil er sauer ist, und ich finde er hat schon auch recht damit.« wirst du wahrscheinlich zudem mit Schuld und Scham in Kontakt kommen. Wenn du aber denkst: »Oh, er ist heute schlecht gelaunt, sonst würde er einen Spaß machen oder darüber hinweggehen.«, wirst du wahrscheinlich entspannter reagieren. Auch ohne zu wissen, was dein Gegenüber denkt, kannst du zu deinem Schutz eine für dich möglichst günstige Interpretation wählen.

Anregung 2: Betrachte dein Gegenüber als einen »Menschen in Not« Du kannst dich mit dem Gedanken beruhigen, dass dein Gegenüber gerade ein Mensch in Not ist.
Übersetzt heißt das: Aufgrund seiner Bedürftigkeit kann er momentan nicht souverän und ausgeglichen auftreten. Manche Menschen, die derart hilflos agieren, meckern und mosern, andere drohen und strafen, andere wiederum rümpfen die Nase oder verdrehen die Augen. In all diesen Fällen möchte jemand seinen Ballast bei dir abladen. Und
dafür stehst du eben nicht zur Verfügung.

Anregung 3: Bring ein Schutzschild zwischen dich und den anderen Vielleicht fällt es dir manchmal schwer, offensichtlich kritisch gemeinte Äußerung positiv auszulegen oder dich mit der Formulierung »Aha, ein Mensch in Not!« zu schützen.
Wenn es dir so ergeht, nutze die Kraft deiner Fantasie: Visualisiere eine Plexiglasscheibe, ein Schutzschild oder einen Umhang. Eine Barriere, die sich zwischen dir und dem anderen befindet und dich vor ihm schützt. Was auch immer du dir vorstellst, die Konfliktangebote des anderen erreichen dich so nicht mehr, denn sie prallen an deinem Schutzkörper ab. Die Motive deines Gegenübers musst du dazu weder hinterfragen noch verstehen können.


Du nimmst mit …

Du kannst dich mit der Ärgerminimierungsstrategie »Peter und Paul« effektiv und effizient vor Übergriffen schützen: