Minimierungstrategie (2/9): Der BIBER

Ignorierst du den Prozess noch oder BIBERisierst du schon?


Stell dir vor ...

Du, dein Smartphone und am anderen Ende die nette Kollegin, die dir zuhört. Eigentlich eine prima Beziehung. Doch irgendwas stimmt nicht. Seit gefühlt zehn Minuten hat deine Gesprächspartnerin nichts mehr gesagt. Keine Reaktion auf deine Worte, kein »Ja«, kein »hmm«. Nichts. Du wirst ein wenig nervös, sprichst aber erst mal weiter. Denkst zwischendurch vielleicht: »Was ist nur mit ihr? Findet sie das, was ich sage, so bescheuert? Oder liest sie nebenbei ihre Mails?« Nach weiteren gefühlten zehn Minuten spürst du Ärger aufsteigen und denkst: »Wenn die sich nicht sofort dazu äußert, werde ich das ansprechen.« Doch sie schweigt.

Schließlich nimmst du dein Smartphone vom Ohr, schaust aufs Display und stellst fest, dass die Verbindung unterbrochen ist. Wie lange wohl schon? Keine Ahnung. Möglicherweise konnte dir deine Kollegin keine Bestätigung für ihr Zuhören geben, weil sie gar nicht mehr in der Leitung war. Vielleicht hatte sie längst versucht, dich zurückzurufen, aber du warst ohne Empfang. Eben noch in voller Aufgebrachtheit über diese unhöfliche Frau, schüttelst du jetzt den Kopf über dich selbst: Da ist dir wohl mal wieder einer so richtig durchgaloppiert.


Theoretisch heißt das …

Das Beispiel zeigt: Wie wahrscheinlich auch du neigen viele Menschen dazu, vorschnell und unüberlegt Zusammenhänge herzustellen, die es so gar nicht gibt. Sie verwechseln scheinbar objektive Wahrheiten mit subjektiven Konstruktionen. Woran liegt das? Unsere Sinne sind meist maßlos überfordert damit, die auf uns hereinprasselnden Informationen vollständig aufzunehmen, geschweige denn sie immer fehlerfrei zu verarbeiten. Mal versäumen wir bestimmte Signale, mal deuten wir sie falsch. Wir können uns den Prozess der Signalverarbeitung vereinfacht in fünf Schritten vorstellen:  

  1. Beobachtung: Mithilfe deiner Sinne nimmst du unentwegt deine Umgebung wahr. Von zentraler Bedeutung sind dabei Sehen und Hören. In der Kommunikation hörst du Worte und Stimmen, siehst die Körpersprache. Es kommt dabei immer zu Informationsverlust, weil du nicht alle Signale erfassen kannst. Das nennt man selektive Wahrnehmung. 
  2. Interpretation: Deine Beobachtungen deutest du anschließend, indem du Signale mit deinen Vorerfahrungen abgleichst. Da jeder Mensch einzigartige Vorerfahrungen hat, kommt es häufig zu unterschiedlichen Auslegungen. Man spricht in diesem Zusammenhang von »Verzerrungen « beziehungsweise »Fehlinterpretationen«. 
  3. Bewertung: Deine Interpretationen münden schließlich in deine Bewertung: Ich mag … (positiv), Ich mag nicht … (negativ) oder Mir ist es egal … (neutral). Manchmal folgt auf die Bewertung sogar ein weitergehendes Urteil, das das Verhalten des anderen nicht nur ablehnt, sondern moralisch angreift (Er sollte so nicht sein, er sollte das ändern). 
  4. Emotion: Sobald du positiv bewertest, spürst du angenehme Emotionen. Wenn du hingegen negativ bewertest, spürst du unangenehme Emotionen wie Wut, Ohnmacht, Schuld, Scham, Angst oder auch Trauer. 
  5. Reaktion: Weil du diese unangenehmen Gefühle in der Regel nicht aushalten möchtest, tust du etwas. Mit deiner Reaktion, zum Beispiel Augen verdrehen, Seufzen oder Fluchen, versuchst du im Außen etwas zu ändern, um das Verhalten des Gegenübers zu ändern, damit deine unangenehmen Gefühle (wieder) verschwinden. Dein Auftreten ist in diesem Fall emotional motiviert.  

Praktisch heißt das -....

Was die oben stehende Aufzählung in fünf Stufen darstellt, läuft in der Realität fast immer innerhalb weniger Augenblicke ab. Das Trügerische: Du bekommst es kaum mit. Denn wie im Ruhrgebiet die Städte ineinander übergehen, sodass du die Stadtgrenzen kaum noch wahrnehmen kannst, so sind auch die fünf genannten Stufen eng miteinander verwoben. Die Kunst besteht darin, diese Reizreaktionen möglichst unmittelbar zu erkennen, um aussteigen zu können. Welche Momente bieten sich dazu an? 

 

  • Anregung 1: Du kannst direkt bei der Beobachtung ansetzen.

Was auch immer du wahrnimmst, frag dich stets, ob das schon alles ist, was du sehen und hören kannst. Hast du wirklich jedes einzelne Wort gehört? Hast du jeden noch so kleinen Ausdruck im Gesicht des anderen gesehen? Hast du jede stimmliche Nuance wahrgenommen? Schule deine Wahrnehmung, aber denk daran: Niemand kann alles wahrnehmen. Das ist keine Schande, es ist viel eher das Wissen um die Grenzen menschlicher Wahrnehmung und der damit verbundenen Fehlbarkeit. 

 

  • Anregung 2: Du kannst auch bei der Interpretation ansetzen. Wenn du merkst, dass du eine Beobachtung sofort mit einer bestimmten Bedeutung belegst, kannst du diese Zuschreibung auch wieder zurücknehmen.

Du kannst dir bewusst machen, dass du lediglich glaubst, dass es so sein könnte. Öffne dich für neue Spielräume, indem du gedanklich auch andere Deutungen zulässt. Augenbrauen, die nach oben gerissen werden, bedeuten vielleicht, dass dein Gegenüber sauer auf dich ist. Vielleicht aber auch, dass er verwirrt ist. Vielleicht leidet er unter einer Krankheit. Du kannst ohne nähere Erkundung nicht wissen, wieso sich seine Augenbrauen anheben. Du kannst nur Hypothesen dazu anstellen. Und dich dabei fragen, ob es vielleicht nicht doch noch eine andere Erklärung geben könnte. 

Die meisten Fehlinterpretationen sind nicht weiter schlimm. Wenn du beispielsweise einen Mann mit Anzug und Krawatte siehst und denkst, er wäre Banker, er aber in Wirklichkeit Professor für Umwelttechnik ist, dann wird diese Zuschreibung wahrscheinlich ohne gravierende Folgen bleiben. Wenn du ihn jedoch aufgrund der Krawatte (= Beobachtung) für spießig und gefühlskalt hältst (= Interpretation), ihn deshalb ablehnst (= Bewertung) und nur noch nach Unterschieden zwischen ihm und dir suchst (= Reaktion), kann das negative Auswirkungen auf euer Miteinander haben. So wirst du ihm zum Beispiel (nur wegen der Krawatte) aus dem Weg gehen und in ihm deinen Doktorvater verpassen, der dir zu einer erfolgreichen Promotion verholfen hätte. 

Sei dir also bewusst, dass du auch falsch liegen kannst mit deinen Annahmen. Und mach es dir zur Gewohnheit, deine Interpretationen zu hinterfragen – vor allem dann, wenn sie bei dir heftige unangenehme Emotionen auslösen. 

 

  • Anregung 3: Du kannst auch bei deiner Bewertung ansetzen. Du bist nicht gezwungen, was du gesehen oder gehört hast, negativ zu bewerten. 

Du kannst dich entscheiden, diese Bewertung zurückzunehmen. Bei manchen Bewertungen wird dir das leichter gelingen (etwa, wenn ein bestimmter Kollege dich nie so grüßt, wie es dir am liebsten wäre), bei anderen schwerer (zum Beispiel, wenn dein Chef dich regelmäßig unterbricht), und bei manchen wirst du auch ganz bewusst an deiner Bewertung festhalten (zum Beispiel, dass du nicht gemobbt werden willst). Du hast also die Wahl, bestimmte Bewertungen zurückzunehmen und damit den fünfstufigen Prozess aufzuhalten. 

 

  • Anregung 4: Du kannst auch bei deinen Emotionen ansetzen.

In der Regel ist es keine gute Idee, Emotionen sofort und ungefiltert auszuleben, denn das macht die Dinge meistens schlimmer. Du kannst stattdessen die Emotionen aushalten, bis sie ihre Wucht verloren haben und erst dann sprechen. Schon besser, denn jetzt kontrolliert die Emotion nicht mehr dich, sondern du die Emotion. Oder du kannst sie einfach nur beobachten, ohne ihr Ausdruck zu verleihen, bis sie sich komplett verzogen hat. Denn das ist die gute Nachricht: Emotionen sind zeitliche Phänomene. Genauso plötzlich wie sie auftauchen, vergehen sie meist auch wieder. Und während du abwartest, kannst du dich fragen, woher die Emotion eigentlich kommt. Dabei wirst du feststellen, dass sie in direktem Zusammenhang mit der vorherigen Bewertung steht. Und mit diesem Erkenntnisgewinn fragst du dich nun, ob du an deiner vorherigen Bewertung festhalten willst. Oder an der vorherigen Interpretation. Oder an der vorherigen Beobachtung (siehe oben). 

 

  • Anregung 5: Du kannst auch bei deinen Reaktionen ansetzen.

Am Ende des fünfstufigen Prozesses setzt deine Reaktion ein. Welche Wahlmöglichkeiten und Spielräume du hier – beim Feedback – hast, erfährst du im Bereich Konfrontieren


Du nimmst mit ...

Wie wir bereits beim Deeskalieren gesehen haben, spielt das Beobachten eine zentrale Rolle. Vor allem, weil damit der fünfstufige Prozess beginnt: Ohne Beobachtung, kein Prozess. Daraus lässt sich schlussfolgern: Eine gelungene, weil genaue Beobachtung, begünstigt den Prozess. Eine ungenaue erschwert ihn. 

Je konsequenter es dir gelingt, genau zu beobachten, und bei den anschließenden Interpretationen und Bewertungen achtsam vorzugehen, desto eher wirst du ungünstigen Ärger vermeiden können. Bezogen auf das Fallbeispiel oben heißt das: Sobald du merkst, dass du dich über die stille Gesprächspartnerin ärgerst, schau zuerst, ob die – elektronische – Verbindung noch besteht. 

Du hast gelernt, dass du dich mit der Strategie BIBER bzw. »Konstruktionen prüfen« gut vor unnötigen Ärgernissen schützen kannst. Was bringt dir diese neue Kompetenz?  





Klick die Präsi



Guck das Video zur Präsi